Photon | Icon

Unter zeitgenössischen digitalen Bedingungen ist derzeit völlig unklar, was mit dem Begriff „Fotografie“ (sowohl im künstlerischen, als auch im allgemeinen Gebrauch) eigentlich gemeint ist, bzw. ob und wie man dieses Feld sinnvoll definieren soll.

Diese Frage stellt sich vehement im Hinblick auf die neuen digitalen Möglichkeiten und Anwendungen. Die Ausstellung Photon | Icon bringt nun in einer Art offenen Versuchsanordnung Arbeiten von KünstlerInnen zusammen, die mit Digitaler Fotografie, CGI, Photogrammetrie, Scanografie, Augmented Reality, Computergrafik, Motion-Capture, 3D/4D-Software, 3D-Scanning, etc. und jeglichen erdenklichen Mischformen dieser Werkzeuge/Tools arbeiten.

Die o.g. neuen technologischen Anwendungen sind größtenteils Visualisierungsverfahren, die auf „fotografischen“ Prinzipien basieren oder diese simulieren. D.h. den gezeigten Arbeiten sind in jeweils unterschiedlich starken Ausprägungen „fotografische Aspekte“ eingeschrieben, wobei die traditionellen fotografischen Sehmodelle in den jeweiligen Anwendungen teils übernommen, teils weiterentwickelt, verändert, gehackt, geglitcht, simuliert oder vollständig verlassen werden. Als Kontrapunkt werden außerdem Arbeiten gezeigt, die nicht direkt mit den neuen Werkzeugen erstellt worden sind, diese aber auf verschiedene Weise thematisieren.

Ein Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt dabei auf „neuen Bildern“, Bild-Findungen und -Erfindungen, „noch nicht Gesehenem“ und dem nach vorn gedachten generativen Potential der digitalen Arbeitsweisen (und weniger auf der Abbildung bestehender Sachverhalte, dem Rückgriff auf bestehendes Bildmaterial und Appropriation, auf retrospektiven fotohistorischen Bezügen oder Referenzen, etc.).

So haben sich in den letzten Jahren im Umgang mit den Bereichen des Digitalen, Virtuellen, Immateriellen und tendenziell nicht Fassbaren völlig neue, eigenständige Bildwelten und Arbeitsweisen entwickelt.

Die Ausstellung versucht den jüngsten Entwicklungen nachzugehen, wobei die gezeigten Werke eine eindeutige Lesart oder mediale Zuschreibung in positiver Art und Weise unterlaufen. Dies schließt eine Vereinnahmung unter dem Begriff „Fotografie“ mit ein, und anders als diese sind die neuen Arbeitsweisen nicht auf Sichtbarkeit und physikalische Existenz des Abgebildeten angewiesen. Vielmehr spielt in den gezeigten Arbeiten das Verhältnis von Präsenz und Absenz; realer Existenz zu Repräsentation und Simulation, „Realität“ zu Fiktion eine entscheidende Rolle. (Existieren die abgebildeten Bildgegenstände tatsächlich oder handelt es sich um Fiktionen, Simulationen, Renderings? Folgen die dargestellten Räume fotografischen, vertraut-zentralperspektivischen Gesetzen oder sind diese Räume errechnet, digital überformt, etc.?).

Dem Konzept „Bild“ kommt hier eine besondere Bedeutung zu, die meisten der gezeigten Arbeiten durchlaufen zunächst mehrere Transformationen, d.h. sowohl materielle als auch immaterielle Stadien. Am Ende der jeweiligen Produktionsprozesse steht bei allen beteiligten KünstlerInnen aber eine Entscheidung für ein physikalisch existentes „Bildobjekt“ mit Körper, Masse und Ausdehnung im realen (Ausstellungs-) Raum als finale Erscheinungsform der Arbeit. Das „Bild“ wird als substanzielle, faktische und materiale Erscheinung thematisiert, dem im Digitalen virulenten Thema der Auflösung und Immersion wird mit einem Gegenkonzept, einer eindeutigen Entscheidung für den realen Raum (Erfahrungsraum) begegnet.

In dem Dreiecksverhältnis Realität - Virtualität - Digitalität wird die Frage gestellt, inwieweit das „Fotografische“ als normative Kraft nicht nur für die neuen Arbeitsweisen und digitalen Werkzeuge, sondern in einem größeren Zusammenhang auch für unsere gesamte Wahrnehmung, für unser Wirklichkeitsverständnis unter digitalen Bedingungen fungiert.

Photon | Icon versucht, der Überlagerung, Verschmelzung und potenziellen Auflösung der medialen Kategorien, und den sich daraus ergebenden neuen Möglichkeiten vor dem Hintergrund des Digitalen nachzugehen. Wobei die „Fotografie“ und ihre Verständnismodelle in Teilen weitergeführt, oder, auch das steht zur Disposition, vollständig verlassen werden können, um auf längere Sicht neue, digital basierte Verständnismodelle zu konstituieren.

 

 

Michael Reisch, 2-2019