darktaxa in conversation: Björn Siebert – Michael Reisch

Björn Siebert spricht über sein Werk, über Autorschaft, Google, Facebook, Bilderflut und künstlerische Strategien unter postfotografischen Bedingungen. Im Gespräch mit Michael Reisch, darktaxa-prequel, Gespräch aufgezeichnet 2016.

 

 

Björn Siebert: TWO EGGS [REMAKE], C-Print, 75 x 85 cm, 2006

 

 

 

Michael: Du hast dich ja in deiner Arbeit viel mit der Thematik der Autorschaft auseinandergesetzt, wann hast du angefangen, dir über dieses Thema Gedanken zu machen?

 

Björn: 2006, noch während meines Studiums, als ich meine ersten zwei Remakes gemacht habe, als Reaktion auf die plötzliche Bilderflut des Internets. Auf einmal war ich überall von Fotos umgeben, Fotos von fremden Klassenfeiern, von Ausflügen, Football-Spielen, Football-Parties aber auch mysteriösere Bilder, deren Sinn sich erst einmal nicht sofort erschließen ließ. Da waren Flickr und Webshots.com und Photobucket, die diese riesigen Datenmengen an irrelevanten Fotos zeitlich ungeordnet sichtbar machten. Das hat mich verwirrt, wie sollte ich mich zu diesen Bildern verhalten? Dann habe ich gedacht: Was passiert eigentlich, wenn man diese redundanten Bilder benutzt, wenn man diese überführt und einfach als Behauptung in den Ausstellungsraum bringt? Ich hatte mir bei meinen ersten beiden „Remakes“ von Internetbildern noch nicht so wahnsinnig große Fragen gestellt, sondern ich wollte es erst einmal sehen, was sich durch eine Transformation, durch meine Rekonstruktion verändert.



 

Björn Siebert: THE MUD FIGHT [REMAKE] C-Print 140x171 cm 2008

 

 

Michael: Und das sind dann die „Remakes“ von 2006 bis 2010 geworden?

 

Björn: Das ist meine Werkgruppe „Remakes“ und da mache ich auch immer noch weiter, auch jetzt noch, 2016 (Anmerkung der Red: und auch 2019 noch). Ich führe eigentlich spekulativ eine Analyse fremder Bilder durch, hauptsächlich Amateur-Bilder und dann mache ich anhand dieser Analyse ein „Remake“, eine Reinszenierung.

 

Michael: Kannst Du das kurz technisch erläutern?

 

Björn: Das bedeutet im speziellen: Die Orte des Fotoshooting werden nach den Gegebenheiten des Originals hin ausgesucht, Kleindarsteller wenn nötig nach dem Aussehen her gecastet, Kleidung abgesprochen, Räume nachgebaut, Requisiten gesammelt, Positionen wie im Original eingenommen, Bildausschnitte festgelegt. Das Kreieren eines Remakes ist in meiner Arbeit ein integrativer Prozess. Ich arbeite mit Tischlern, Grafikern und Produktdesignern zusammen, vor allem aber mit einem Theaterplastiker, der mir die Dinge anfertigt, die ich als Requisiten nicht finde und außerdem meine größeren Setbauten überwacht.

 

Michael: Und dann?

 

Björn: Wenn die Reinszenierung vor der Kamera abgeschlossen ist, wird mit der Großbildkamera eine analoge Aufnahme gemacht, ein Dia oder Negativ. Und das führt zu einem neuen Bild, einem Zwillingsbild, dieses nenne ich „Remake“. Aber diese Analyse ist natürlich spekulativ, weil ich die genauen Umstände der originalen Aufnahme nicht wirklich kenne. Und das sehe ich für mich als legitim. Und da wären wir jetzt bei der Form von Stellvertreter-Autorenschaft angekommen, wie ich sie auch betreibe. Ich übernehme Verantwortung für ein fremdes Bild.

 


Björn Siebert: UNTITLED TREE PICTURE [REMAKE], C-Print, 200x156 cm, 2013

 

 

 

Michael: Aber die traditionelle fotografische Vorgehensweise hat sich geändert. Dein Ausgangspunkt ist jetzt ein Bild, ein allgemein verfügbares Online-Foto, das von Dir nochmals „fotografiert“ wird?

 

Björn: Genau: ein Bild.

 

Michael: Und das Zweite, du reagierst ja auch auf die digitalen Distributionswege fotografischer Bilder.

 

Björn: Auf die digitale Verbreitung von allen Dingen.

 

Michael: Aber was dem zugrunde liegt für dich als Fotografen ist zunächst auch eine Entscheidung gegen die Fotografie, oder? Also die Erkenntnis, dass die traditionelle, direkte fotografische Vorgehensweise momentan nicht mehr richtig funktioniert?

 

Björn: Ja, genau.

 

Michael: Ich würde dazu sagen, es gibt nicht mehr nur eine rein materielle, sondern jederzeit auch eine quasi algorithmische Erscheinung der Dinge um uns herum, einen virtuellen Nebel, der alles überlagert und verschleiert. Alles ist gefühlt doch bereits fotografiert und in Bilder, in Daten transformiert und abgespeichert, archiviert. Die Arbeit des Fotografen, der Fotografin im traditionellen Sinne ist plötzlich getan, das große Projekt der Fotografie, nennen wir es enzyklopädisch, ist in gewisser Weise vollendet, vor allem durch Google, und damit sinnlos geworden. Und das ist für mich eine der zentralen Frage an die Fotografie der letzten Jahre: Wie will die Fotografie, wie sollen wir als Fotografen darauf reagieren?

 

Björn: Mich hat diese Bilderflut tatsächlich erst einmal ratlos gemacht. Was soll ich jetzt eigentlich noch fotografieren? Wie soll ich mich als künstlerischer Fotograf gegenüber all diesen Bildern positionieren? Was will ich überhaupt noch fotografieren? Und dann war es natürlich naheliegend diese Frage zur Arbeit zu machen. Die Idee war: jetzt hinterfragst du das Ganze und schaust mal, was passiert, wenn du diese Amateurfotografien überträgst. In dem Moment habe ich gemerkt, dass Inszenieren und eine analytische Herangehensweise an Fotografie sich tatsächlich dann auch zu einem künstlerischen Werkkomplex, einer anspruchsvollen Analyse verdichten können. Anfangs wurde allerdings von außen oft nur die Frage nach dem Copyright gestellt: „Sie machen ja selber keine Bilder. Sie klauen und bedienen sich und das kann ja keine Kunst sein; sie kreieren ja selber nichts Eigenständiges“.Allerdings hatte ich selbst da gerade das Gefühl, an einem relevanten Punkt meiner künstlerischen Arbeit angekommen zu sein.

 

 

 

Björn Siebert: GIZMO [Remake], C-Print, 110 x 137,5 cm, 2018

 

 

 

 

Michael: Als Referenz wären Richard Prince’s Marlborough-Arbeiten vielleicht interessant, die Marlborough-Werbung wird von Prince ganz bewusst gekapert, „gestohlen“, das ist aus meiner Sicht die künstlerische Geste, Piraterie. Wie siehst Du das für Deine Remakes: „stiehlst“ Du bewusst etwas?

 

Björn: „Stehlen“ ist hier vielleicht nicht mehr das richtige Wort, trotzdem bleiben es fremde Bilder, deren Copyright schon gar keine Rolle mehr spielt, da sie als kleine Mosaiksteine in der Masse eines riesigen Spurenhaufens allerhöchstens flüchtig sind. Und auch, weil ihre Sichtbarkeit erst durch Bilderforen hervorgerufen wird, die es mit dem Copyright ebenfalls nicht sehr genau nehmen.

 

Michael: Auf was ich hinaus will: ist in dem Online-Bild-Material, das du benutzt, eben anders als bei Prince’s Werbe-Bildern eine Weiterverwendung sogar angelegt? Also verleihst du diesen Jpg-Bildern nicht überhaupt erst eine Art von Sinn, indem du sie als Aufforderung verstehst, ihnen “antwortest”? Das fände ich im Hinblick auf das Autorschaft-Thema interessant, das wäre ein “diskursives” Verständnis von Autorschaft. Deine Arbeit ist doch auch eine Frage nach dem Status dieser Jpgs, es geht um das Wesen des massenhaft verfügbaren Online-Bildes, oder?

 

Björn: Ganz richtig. Es geht mir weniger um die investigative Spurensuche oder um eine strukturelle Analyse, sondern mehr um das grundsätzliche kulturgeschichtliche Phänomen, die Überwindung des Einmaligen durch das massenhaft Gleichartige. Obwohl es bei den wenigsten Fotoamateuren das spezielle Bedürfnis gibt, in einer anonymen Masse unterzugehen, funktioniert das einmalige Bild, selbst wenn es expliziert angestrebt wird, einfach nicht mehr.

 

 

 

Björn Siebert: THE DOLOMITES [REMAKE] C-Print 118x142 cm 2011

 

 

 

 

Michael: Wie steht das Einzelbild denn zur Masse der Bilder aus deiner Sicht?

 

Björn: Man würde ja vermuten, dass die Möglichkeit einer genaueren Rezeption durch die Analyse einzelner Bilder erhöht wird. Sprich: Wären es weniger Bilder, z.B. in einem Album, oder nur von einem „Autor“, würde sich der Gehalt verdichten. Doch das Gegenteil ist der Fall: all diese Lückenfüller, die mehrmalige Darstellung ein und derselben Situation in verschiedenen gleichwertigen Bildern werden für den Gesamtkontext benötigt. Diesen Bildern wohnt eine Art von „demokratischer Struktur“ inne, die über einen autokratischen Bildbegriff hinausgeht.

 

Michael: Interessiert dich das Bild auch seiner ursprünglichen Verwurzelung, seiner Herkunft?

 

Björn: Meine Vorlagen müssen schon ein Geheimnis in sich tragen, damit ich mich mit ihnen länger beschäftigen kann, diese Geheimnisvolle ist extrem wichtig. Und ich kann diese Analyse ja nicht ins „Blaue“ machen. Wer hat das Foto gemacht? Wo ist das Foto aufgenommen? Ist es ein männlicher/weiblicher Fotograf? Gender spielt eine wichtige Rolle, die Frage, ob es ein Fotograf oder eine Fotografin ist, kann die Rezeption eines Bildes enorm verändern. Durch die Metadaten des Bildes bekommt man oft nur heraus, mit welcher Kamera es aufgenommen ist, aber was da wirklich passiert ist oder zu sehen ist, bleibt für mich Spekulation. Als „zweiter“ Fotograf erfinde ich ein „realistisches“, möglichst wahrscheinliches Storyboard: Das könnte so passiert sein, so könnte es gewesen sein. Und danach frage ich mich wie ich es am Ende umsetze.

Björn Siebert: THE THING THAT SHOULD NOT BE [REMAKE], C-Print, 110 x 135 cm, 2008

 

 

 

 

Michael: Aber du recherchierst keine Biografien der „Autoren“ zu deinen Bildern, sofern das überhaupt möglich wäre?

 

Björn: Nein, das Geheimnis soll bleiben. Ich möchte das Geheimnis, dass dieses Bild in sich trägt nicht auslöschen, das soll unbedingt bleiben. Ich benutze also diese Bildinhalte von Fotoamateuren und stelle durch die Re-Inszenierung Fragen nach dem kulturellen Wert dieser unendlichen Bilderflut. Ich befrage ihre Mechanismen. Ich spüre einerseits dem Geheimnis der Amateurbilder nach, andererseits verleihe ich den Verdopplungen durch den Entstehungskontextes ein Eigenleben. Die Flüchtigkeit von Amateurbildern, ihre Geworfenheit, ihre Banalität, ihre Trivialität lassen den Verdacht zu, dass kein gesellschaftlicher, politischer und kultureller Mehrwert entsteht, wenn man diese Bilder in einem „Remake“ auch noch potenziert.

 

Michael: Aber Du willst in Deinen Arbeiten auf etwas anderes hinaus?

 

Björn: Der Blick verschränkt sich bei meinen Bildern nur kurz auf die Poesie des Augenblicks, und danach viel mehr auf seine reflexive Hervorbringung und den Transformationsprozess.

 

 

Björn Siebert: GIRL AT A PARTY PIT #1 [REMAKE] C-Print 140x169 cm 2010

 

 

 

 

 

Michael: Ja, du setzt die Gewichtung ganz anders, bei dir geht es um das Phänomen an sich, die Masse der verfügbaren Bilder und den Verlust von Inhaltlichkeit, das ist ja ein Statement, die plötzliche Redundanz von Bildbedeutung als Folge ihrer schieren Anzahl und Verfügbarkeit ...

 

Björn: Ja, hier ist mir dann wieder die Idee der Unproportionalität wichtig. Unproportional ist nicht nur das Verhältnis von den in jedem Augenblick neu entstehenden Bildern zu den 4-6 Arbeiten die ich im Jahr mache, sondern auch der Aufwand den es benötigt, eben diese flüchtigen Bilder detailgenau zu rekonstruieren.

 

 

 

Björn Siebert und Michael Reisch, 2016